Anderthalb Quadratmeter „Betreten verboten!“

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Brutzelnd, schwitzend, dösend machen wir uns in dieser Jahreszeit wieder auf den grünen Streifen um Badesee und Freibad breit. Was in den vorherigen Monaten zum Teil noch unangetasteter Natur gleich kam, wird nun innerhalb von Sekunden anhand von Handtüchern, Decken und Sonnenschirmen als zivilisierter Raum markiert. „My Badedecke is my castle!“

Öffentlicher Raum wird sich ungeniert einverleibt und zumindest für die anderthalb Quadratmeter Badedecke gilt: „Privatgrundstück“. Meist mit scharfem Zusatz: „Zutritt verboten!“ Die ein Hektar große Fläche der öffentlichen Liegewiese wird schnell zu einem Patchwork-Teppich hunderter privater Hoheitsgebiete. Und meist ist weitläufiges Umschiffen schwierig! Auf der Suche nach dem letzten freien Plätzchen schlängelt man sich durch zwischen all den böse blickenden Augenpaaren, die einem lautlos entgegen zischen. „Nicht hier her! Der verbleibende Raum gehört uns!“

Es macht mir selbst prinzipiell nichts aus, wenn ab und an mal ein Volleyball über meine Leselektüre rollt oder die Wassertropfen der vorbei sprintenden Kinder auf meinen Rücken spritzen. Zugegeben ich schrecke da zusammen, aber es ist okay. Aber auf Deckenanordnung Prinzip „Reihenhaus“ stehe auch ich so gar nicht. Wenn der wildfremde Deckennachbar fast Kante an Kante liegt, dann ist mir das zu viel, da brauche ich meine Privatsphäre. Fehlende Nähe versucht man oftmals noch zurück zu erlangen, in dem man bäuchlings liegend den Kopf fest zwischen seine Arme presst und denkt „Ich sehe euch nicht, also seht ihr mich gefälligst auch nicht“. Nur noch die heiße Sonne auf der Haut und die grellen Stimmen der restlichen Meute im Ohr. Aber allein und weit weg auf seiner Badematte. Wie ein einsames kleines Boot auf großer See.

Das Volk der Badegäste ist in drei Typen zu unterteilen, die Aufschluss über ihr Sozialverhalten geben. Typ 1, „Nur ich und mein Handtuch“. Keine Decke, kein Picknick-Korb, nur ein Handtuch und kurz reinspringen. Vielleicht noch anschließend 10 Minuten sitzend im Gras und dann wieder ab nach Hause. Typ 1 ist praktisch veranlagt, unaufgeregt bis langweilig. Kein Interesse am Klatsch und Tratsch der Nachbardecken. Typ 2, „Decke, Handtuch und eine Flasche Wasser“. Zweimal rein ins Wasser, zwischen drin bisschen lesen und vielleicht mal etwas mit dem Nachbarn plaudern. Typ 2 ist generell aufgeschlossen, doch tolerant gegenüber der „Rück-mir-bloss-nicht-auf-die-Pelle-Einstellung“ des Deckennachbars. Typ 3, „Windschutz, Sonnensegel, Minikühlschrank“. Sie kommen halb neun und gehen pünktlich zum Beginn der Tagesschau. Aus Utensilien des halben Hausstandes bauen sie sich Burgen, die unüberwindbar scheinen. Privatsphäre wird hier sehr groß geschrieben, man will seine Ruhe! Bitte nicht stören! Um diese Inseln inmitten der Badewiese schlägt man unweigerlich einen größeren Bogen, da man unbewusst immer befürchtet ein scharfer Hund könnte zwischen vertikal aufgestellten Luftmatratzen und Sonnensegel hervor preschen, weil man Sicherheitsabstand und das Schild „Hier wache ich!“ ignoriert hat.

Trotz allem sei gesagt, gerade auf der Badewiese gilt „all men are equal!“. Wie auch immer die Strandburg aussehen mag, hier sind wir alle gleich. Egal welches teuere Bikinihöschen ziert und welches flauschige Designer-Label den Körper trocknet. In der gleißenden Sonne, in fast voller Blösse und Nüchternheit zwischen viel zu vielen Menschen, sind wir irgendwie alle gleich.

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